St. Thomaskirche / Betzenhausen
Filialkirche der Pfarrei Hl. Familie
Geschichte.
Obwohl (seit 1381?) Filiale der Freiburger Weststadtpfarrei St. Peter, wird die Betzenhausener Ortskapelle erst 1447 zum erstenmal erwähnt. Ein spätgotischer Speisekelch (16. Jh.) aus Betzenhausen erinnert im Augustinermuseum der Stadt an die frühen Pfarreiverhältnisse des Dörfleins. 1702 beklagte sich Betzenhausen beim Freiburger Magistrat,
„daß in vorkaiserl: Zeiten wir die Gemein zu Betzenhausen einen eigentumlichen Pfarrherrn gehabt, und selbiger aus der nunmehro ruinierten Pfarrkirchen St: Petri allhier zu Freiburg und der Filialkirchen St:Thomae zu Betzenhausen Einkünften investiert und erhalten worden; wegen erlittenem Ruin der Kirchen und Abgang der Mittel aber solche Pfarrei zu Lehen interimsweis und behauf besserer Zeiten inkorporiert worden."
|
| Kanzel und Verkündigungsaltar |
|
|
| Die Altäre der St. Thomaskirche |
Als die französische Armee unter dem Befehl des Marschalls Crequi am 16. November 1677 Freiburg eroberte und 1679 (zusammen mit den zugehörigen Dörfern wie Betzenhausen) der französischen Krone unterstellte, begannen die neuen Herren bald damit, die Vorstädte niederzureißen und Freiburg zu einem starken Vorposten Frankreichs auszubauen. Jenen Festungsbaumaßnahmen fiel auch die Pfarrkirche St. Peter zum Opfer. Betzenhausen bemühte sich nach der Zuordnung zur Pfarrei Lehen zwar sehr, die altgewohnte Seelsorge für die Ortschaft zu erhalten. Es sorgte sich nicht nur um Einkünfte für „einen Pfarrherrn", sondern ließ „auch zu diesem Ende die Filialkirche St. Thomas völlig erneuern und erbauen". Die Anstrengungen brachten aber weder die Loslösung von Lehen noch die Zuweisung eines eigenen Pfarrers ein.
| 1699- 1703 | bezeugen Rechnungen den Kirchenneubau. Steine von Lorettoberg und Tennenbach, Maurer Georg Blum, Zimmerleute „von Breitnau" (Schub/och und Friedrich Kuster), Schreiner Friedrich Steinkeller von Freiburg (Altar, Kanzel, Emporbühne), Glaser Johann Vonesch, Schlosser Moritz Dursüß und Dekorationsmaler Johann Georg Jakob (Farbfassung des Altars) waren zu bezahlen. |
| 1703 | „als die französische Armee in dem Land gelegen, sind die Fenster in der Kirche wiederum ruiniert worden." |
| 1710 | Ubergang der Zehntrechte an Familie Frh. v. Brandenstein. |
| 1719/21 | Zum Mißfallen des Lehener Pfarrers ließen „die mutwilligen und ungehorsamen Pfarrkinder zu Betzenhausen" „eine neue gemauerte Kapelle, zum Stein genannt", und „ein hölzernes Kreuz ob Herrn Bayers Garten an der Allmendstraße" errichten. |
| 1732 | Der Freiburger Maler Franz Antoni Laubacher (1687/89-1769), ein vielbeschäftigter Meister, faßte die Statuen St. Jakob und St. Georg „mit feinem Silber und Gold‘. |
| 1736 | Farbfassung „des in dasiger Kirche sich befindenden Frauenaltars" (Laubacher). |
| 1739 | Neue Kirchenfahne mit gemaltem Blatt (Laubacher). Anschaffung eines „neuen Herrgotts" (Kreuz; heute in Kirche HI. Familie?). |
| 1762 | Akkord mit dem Lörracher Glockengießer Andreas Roost: „Umgießung einer alten, in dem Glockenturm zu Betzenhausen hängenden Glocke". |
| 1765 | Die Freiburger Stadtwerkmeister J. B. Häring und Christian Haller stellten Baufälligkeit und Notwendigkeit des Neubaus von Glockenturm, Chorraum und Sakristei fest. |
| 1767 | Stadtbaumeister Johann Baptist Häring plante Neubau des Chorseitenturms, Chorraums und der Sakristei; Abschluß des Turms „mit einem Satteldach und 2 Giebele"; Verlängerung der Kirche „um 12 Schuh also um ein Licht, Vergrößerung der Langhausfenster; Verglasung mit "6ecketen Spiegelscheiben; Erhöhung der Langhausmauern und Hebung des Dachstuhls, „so daß der First des Chors und Langhauses in einer Höhe" waren; Brüstung der Orgelempore „mit einer Windung". Bauholz aus dem Freiburger Stadtwald. |
| 1768 | Ausführung des Kirchenumbaus (J. B. Häring). Unter Beteiligung des Freiburger Zimmermeisters Johannes Scherer und "Steinhauer von Pfaffenweiler" (die auch Steinmaterial zulieferten). Finanzieller Zuschuß der Stadt Freiburg. Ankauf eines Tabernakels in Hochdorf und „2 gefaßter Heiligen von Bildhauerarbeit". (Tabernakel seit 1979 in der Krypta der „Hl. Familie"). |
| 1771 | Altarblatt des Kirchenpatrons St. Thomas wird von Universitätskupferstecher Peter Mayer (1718—1800) geliefert. Zugabe eines „vorhandenen vergoldeten Rahmens" und eines Zuschusses durch die Stadt Freiburg. |
| 1775 | Konsekration der umgebauten Kirche und der drei Altäre durch den Konstanzer Weihbischof Freiherr von Hornstein (10. August). |
| 1785 | Freifräulein Kreszentia von Brandenstein stiftete 400 Gulden zu Jahrzeitgedächtnissen, die vor ihrem „auf dem Hochaltar unter dem Kreuz stehenden Marienbild" gehalten werden sollten. - Neuguß einer großen Glocke durch Sebastian Bayer Freiburg (seit 1981 wieder im Turm). - Ubergang von Zehntrechtanteilen an Johann Thaddaeus von Schach. |
| 1786 | Ankauf der Kreuzweg-Stationsbilder aus dem aufgehobenen Freiburger Klarissenkloster. Ersteigerung des Hochaltars aus dem Schwesternkloster „aufm Graben", Freiburg, scheiterte. |
| 1818 | Kirchturmreparatur. |
| 1840/41 | Diskussion eines Kirchenneubaus. Entwürfe von Architekt Rohwasser Großherzogl. Bezirksbauinspektion Freiburg. |
| 1861/63 | Orgelneubau durch Eduard Stadtmüller (1824-1871), Hugstetten. |
| 1862 | Marmorierung und Vergoldung der Altäre, Kanzel und Figuren. Altarbilder restauriert. Die Antependien der Altartische entfernt. „Den gemalten Hintergrund des Hochaltars, eine Art Baldachin vorstellend", neu gemalt. Fassung des Choraltarbildrahmens mit Mahagoniholzfarbe (Franz Deroy, Buchheim). |
| 1877 | Friedhofserweiterung. |
| 1887 | Kirchenrestaurierung. |
| 1890 | Drei Glocken neu gegossen (Joh. Koch, Freiburg). |
| 1903 | Kirchenrenovation. |
| 1911 | Bemühungen des Lokalvereins Betzenhausen um Zuteilung der Katholiken zur Herz-Jesu-Pfarrei Freiburg —Stühlinger. |
| 1917 | Ablieferung der drei kleineren Glocken und der Orgel-Zinnprospektpfeifen (1. Weltkrieg). — Elektrische Beleuchtung der Kirche. |
| 1927 | Neuguß von zwei Bronzeglocken in den Tönen as und es zur vorhandenen Altglocke (c) bei Franz Schilllng Söhne in Apolda/Thüringen. Weihe am 12. Juni (mit Volksfest und Festumzug). Instandsetzung der Orgel mit neuen Prospektpfeifen (August Merk/in, Freiburg). |
| 1930 | Kirchenrestaurierung; Bodenplatten, neues Kirchengestühl, neue elektrische Lichtanlage. Einrichtung eines regelmäßigen Sonntagsgottesdienstes. |
| 1931 | Gründung eines Kirchenchors. |
| 1936 | Restaurierung der Kreuzwegstationsbilder und des Madonnenbildes (G. A. Knittel, Freiburg). |
| 1938 | Storchennest auf dem Turm wurde nicht mehr instandgehalten. |
| 1941 | Ablieferung der beiden kleineren Glocken (2. Weltkrieg). |
| 1949/50 | Stadtpfarrer K. Fuchs setzte sich für die Erhaltung der kriegsgeschädigten St. Thomaskirche ein. Gründliche Wiederherstellungsarbeiten mit erheblichem Geldaufwand. |
| 1961 | Am 17. Dez. Weihe der drei neuen Bronzeglocken (E W. Schilling, Heidelberg). Kirchbauplatz am Bischofskreuz für die neue Seelsorgsgemeinde „Albertus Magnus" abgegeben. |
| 1978 | Am 18. März Aufstellung des in Illingen bei Rastatt gekauften, ursprünglich aus der Benediktinerabtei Schuttern stammenden Hochaltars (1. Viertel 18. Jh.) |
| 1979/86 | Unter den Stadtpfarrern Emil Dannenmayer und Harald Schweizer gründliche Außen- und Innenrestaurierung der Kirche. Leitung: Erzbischöfl. Bauamt Freiburg/Oberbaudirektor H. Triller und Landesdenkmalamt Freiburg/Prof. Dr. W. Stopfel. Restaurator Michael Bauernfeind, Pfarrei HI. Familie. Erwerbung einer barocken Statue des „Gegeißelten Heilandes" und des barocken Chorgestühls und Beichtstuhls aus Sunthausen-Unterbaldingen (Baar). Barockdocken des Kirchengestühls aus Pfaffenweiler übernommen. Wiederherstellung der im 2. Weltkrieg zerstörten Stuckprofilrahmen der Kirchendecke. Trenngitter und Apostelkreuzleuchter (Kunstschmied Walter Laible, Freiburg). Zimmer- und Schreinerarbeiten: Fa. Karl Unmüßig, Freiburg; Malerarbeiten: Rudolf Knörzer, Freiburg. |
|
| Rückblick durch den Kirchenraum auf die Orgel |
|
|
| Ansicht der Stadt Freiburg auf einem Brüstungsfeld der Orgelempore |
Der Baumeister.
Ihre über den 2. Weltkrieg hinweggerettete Baugestalt erhielt die St. Thomaskirche 1767/68 von Johann Baptist Häring verliehen. Der am 16. Aug. 1716 in Immendingen geborene Architekt entstammte einer vorarlbergischen Barockbaumeisterfamilie. Seit 1739 als zünftiger Bürger in Freiburg ansässig, stieg J. B. Häring 1755 zum Maurerstadtwerkmeister und 1766 zum Stadtbaumeister auf. Zunftmeister der Bauzunft zum Mond und Stadtrat. Besitzer mehrerer Häuser in der Herrenstraße und Oberlinden. Neben zahlreichen Aufträgen von Stadt, Universität und Privatleuten Freiburgs arbeitete der geschäftstüchtige Unternehmer und Baustellenorganisator auch an folgenden anderen Kirchenbauten: 1747 Kirchturm Kloster St. Märgen, 1753 Pfarrkirche Freiburg-Wiehre, 1759/77 Pfarrkirche Wyhl a. K., 1759 Pfarrhaus Endingen, 1763 Pfarrkirche Wasenweiler, 1763 Pfarrkirche (Altarhaus) und Pfarrhof Jechtingen a. K., 1767 Kirchturm Hochdorf, 1772 Pfarrkirche March-Hugstetten, 1773/75 Pfarrkirche St. Peter in Endingen a. K., 1777 Pfarrhaus Hugstetten. J.B. Häring starb am 18.2. 1790 in Freiburg.
Schatzkästlein sakraler Barockkunst des Breisgaus.
In verkehrsberuhigter Lage eine Idylle geblieben, gehört der Dorfmittelpunkt Betzenhausens mit St. Thomaskirche und Friedhof zu den etwas versteckten, aber nicht weniger bemerkenswerten Kostbarkeiten der Stadt Freiburg. Vom „Seepark" (Landesgartenschau 1986) führen nur wenige Schritte zum nahen Betzenhausener Gotteshaus hinüber. Nach jahrelangen Anstrengungen zeigt sich die im 2. Weltkrieg beschädigte, danach sogar vom Abriss bedrohte St. Thomaskirche heute schöner denn je. Unter der fürsorglichen Leitung der Stadtpfarrer Fuchs, Dannenmayer und Schweizer konnte 1986 das Rettungswerk abgeschlossen werden, um das sich vor allem auch Restaurator Michael Bauernfeind, Angehöriger der Pfarrei, verdient gemacht hat.
Durch die Friedhofsmauer geegn die Außenwelt abgegrenzt, erhebt sich "St. Thomas" als schlichtes Dorfkirchlein auf dem Gottesacker. In warmer Gelb-Rot-Fassung, mit Lisenenmalerei gegliedert, stellt der Kirchbau mit rechteckigem Langhaussaal und halbkreisförmig geschlossenem, eingezogenem Chorraum einen kräftigen Chorseitenturm mit leicht eingeknicktem Satteldach als zum Himmel weisendes Zeichen und Wächter zur Straße hin vor. Über senkrechter Fenstergliederung markiert ein Stockwerksgurt das Glockengeschoss des Turms, das Schallöffnungen, Turmuhr und wiederaufgesetzten Brutkorb des traditionellen Storchennestes trägt.
|
|
| Schöne Madonna (um 1430) mit barocker Krone, am Hochaltar | 1. Kreuzwegstation (1786 im Freiburger Klarissenkloster gekauft) |
|
| |
| Th. Thomas-Gemälde (P.Mayer, 1771) |
Bei den gründlichen Restaurierungsarbeiten kamen zum Teil ungewöhnlich massive Bruchsteinfundamente und (unter andersartigen Farbschichten) die jetzt wiederhergestellten Töne der Außenbemalung zum Vorschein. Im aufgegrabenen Kirchenboden wurden Fundamente und Größe der älteren Kirche sichtbar, deren geringere Länge und Höhe sich auch an vermauertem Türdurchbruch der südlichen Seitenwand und den Spuren dunkelgrauer Halbpilastermalerei auf den Langhauswänden abzeichnen. Chor- und Turmneubau, Verlängerung und Erhöhung des Kirchenraums durch Stadtbaumeister J. B. Häring ließen 1767/68 Baugestalt und Raumbild der heutigen St. Thomaskirche entstehen.
Beachtung verdient die Ausstattung des Kirchenraums. Was auf den ersten Blick so zusammengehörig wirkt, ist in Wirklichkeit jedoch erst durch die über 200 Jahre dauernden Bemühungen um eine würdige Ausgestaltung zusammengekommen. Die St. Thomaskirche entpuppt sich als ein Sammelbecken Alt-Breisgauer Barockkunst.
|
|
| Der „Gegeißelte Heiland" in der Eingangszone | Scagliola-Dekoration des Hochaltars mit einem Engelkind |
|
| |
| Wappen am Hochaltar (Abt. Placidus II. Hinderer zu Schuttern) |
Durch das einfache, von einem Vordach abgeschirmte Hauptportal betreten wir den Kirchenraum. Hinter einem barock nachempfundenen Schutzgitter bietet sich das lichte Langhaus mit drei Fensterachsen dar. Barocker Beichtstuhl (aus Unterbaldingen) und „Gegeißelter Heiland" eine von der Pfarrgemeinde erworbene Barockstatuette des durch die Wieskirche populär gewordenen Gnadenbildes, prägen die Eingangszone unter der Orgelempore. Die geschwungene Emporenbrüstung mit naiv gemalter Szene der Verehrung des Jesuskindes durch die HI. Dreikönige im Hauptfeld und entsprechenden Ansichten der St. Thomaskirche und Freiburgs mit dem Münsterturm in den Nebenfeldern legt sich schützend vor die kleine Orgel Eduard Stadtmüllers, die als zweitälteste Orgel Freiburgs mit 6 Registern auf einem Manual, 1 Register im Pedal und ihrem weichen, romantischen Klang zum wertvollen Orgelbestand der Stadt gehört.
Im Langhaus unterstützen die gemalten Apostelkreuze (tulpenartige Kreuzstellung mit goldenen Flammen, grünen Kränzen und geschmiedeten Kerzenhaltern) den Raumtakt der Kirche. Gegenüber der einfachen, wohl noch vom Kirchenbau des beginnenden 18. Jh. stammenden Kanzel (Friedrich Steinkeller) zieht an der Südwand das große Altarblatt des hl. Thomas die Blicke auf sich. Umringt von seinen Aposteln steht Christus in der Bildmitte. Der ungläubige Thomas legt dem Auferstandenen die Hand in die rechte Seitenwunde. Unter den Aposteln fällt am Bildrand ein bartloser, sinnend auf die Szene blickender Mann auf. R. Morath deutete diesen Apostelkopf als Selbstporträt des Freiburger Malers und Kupferstechers Peter Mayer, dem 1771 das Altarblatt zur Bedeckung der Choraltarwand bezahlt worden ist. Zusammen mit dem von Johann Baptist Sellinger geschnitzten, in Hochdorf gekauften Tabernakelblock, Kreuz, Madonnenstatue und an der Rückwand baldachinartig aufgemalten Vorhang wurde damals eine provisorische Hochaltargestaltung hergestellt. Von hoher Qualität ist der geschnitzte Rokokorahmen des St. Thomasbildes. Bei der Entfernung der unschönen Mahagoniholzfarben kam nicht nur die feine Altvergoldung des Rahmens zum Vorschein, sondern auch in der Scheitelkartusche das eingravierte Wappen der Grafen von Schauenburg, für die offensichtlich der repräsentative Bildrahmen geschaffen worden ist. Zumal die Stadt Freiburg als Ortsherrin Betzenhausens den „vorhandenen Rahmen" zur Verfügung stellte, überdeckt das Stadtwappen heute noch das ursprüngliche Wappenbild.
Der 1786 im Freiburger Klarissenkloster gekaufte Kreuzweg (18. Jh.), dessen vielfigurig komponierte Stationsbilder (in originalen, dekorativ bemalten Rahmen) jetzt wieder vom Speicher in den Kirchenraum zurückgeholt wurden, vermittelt uns Hinweise darauf, dass man im 18. Jh. versuchte, die Betzenhausener Dorfkirche mit Kunstgut aus den aufgelösten Freiburger Klöstern günstig auszustatten. In den letzten Jahren kehrten außerdem die kleinen Barockstatuen des hl. Fridolin und des qualitätvoll gearbeiteten Viehpatrons St. Wendelin vom Kirchenspeicher zurück. Chorbogenkreuz mit Assistenzfiguren Maria und Johannes zählen ebenso zum alten Eigenbestand der St. Thomaskirche wie der 1704 datierte Taufstein (Kirchbau Anf. 18. Jh.). Die barocke Täufergruppe des Taufsteindeckels, von der Pfarrgemeinde erworben, konnte erst 1978 hinzugefügt werden.
In Schrägstellung den Chorbogen flankierend, helfen die schöngefassten Barockseitenaltäre mit, den Langhausraum der betenden Gemeinde zum geheiligten Bezirk des Hochaltars und Tabernakels überzuleiten. Daran wird erkennbar, wie sich an geweihter Stätte irdischer Lebensbereich und himmlische Sphäre berühren. Den Seitenaltären ist anzusehen, dass sie wohl auch aus einem Freiburger Frauenkloster stammen. Auf der Südseite zeigt sich im Altarblatt eine ausgeprägt klösterliche Thematik mit der seltenen Kombination von Immaculata (Unbefl. Empf.) und Mariens Tempelgang (Oberbild: St. Gallus mit Brot und Bär), während der andere Seitenaltar den Gruß des Erzengels Gabriel an die Jungfrau Maria vorstellt (Oberbild: St. Blasius).
Hochaltar (um 1722/23) aus der Abteikirche Schuttern, seit 1978 im Chor der St. Thomaskirche
Scagliola-Bild "Grablegung Christi" am Antependium des Hochaltars | Absoluter Höhepunkt und Blickfang des Kircheninneren ist der 1978 eingebaute Scagliola-Hochaltar. Aus der exsekrierten, in ein Fabriklager umgewandelten ehemaligen Pfarrkirche von Illingen bei Rastatt konnte der selbst von Fachleuten unbeachtete Barockaltar günstig erworben werden. Ein alter Wunsch Betzenhausens ging in Erfüllung. Was Literatur und mündliche Überlieferung Illingens festhielten, bestätigte eine 1937 im Altaraufbau entdeckte Urkunde: Der wertvolle Altaraufbau, der „früher in der Hochkapelle im Kloster zu Schuttern stand", sei im Juli 1850 durch den Iffezheimer Stukkator und Altarbauer Erhard Oesterle in den Chor der Illinger Kirche versetzt worden. Bei der Entfernung unschöner Farbschichten kamen an diesem Scagliola-Altar nicht nur äußerst qualitätvolle Stuckmarmorierungen (an den Säulen mit Silber-, Kupfer- und Messing-Adern!) zum Vorschein, sondern auch in der Kartusche über der zentralen Figurennische das Wappen des Abtes Placidus II. Hinderer. Mit diesem einwandfreien Beleg für den 1708-1727 regierenden Klosteroberen der Benediktinerabtei Schuttern wurden Entstehungszeit, Auftraggeber und Herkunft des Altars gesichert. Weil Abt Placidus II. 1722123 auch den Turm seiner schutterischen Abteikirche neu errichten ließ (vgl. Wappen am Turm) und 1772 dort eine „capella Ecclesiae nostrae sub turri sita" erwähnt wird, liegt die Vermutung nahe, dass der jetzt in die St. Thomaskirche eingebaute Choraltar aus jenen Bauzusammenhängen stammt. Wegen Baureparaturen beseitigte man 1847 in Schuttern den „aus Gipsmarmor konstruierten" Altar der „sog. Hoch-kapelle" und überließ dem Stukkateur Erhard Oesterle von Iffezheim die Bestandteile zum Abbruchpreis von 50 Gulden. Deshalb konnte Illingen drei Jahre später in den Besitz des kostbaren Barockaltars gelangen. „Scagliola" (eine Technik, die sich während des 18. Jh. nur vermögende Auftraggeber leisten konnten) ließ in den Stuckmarmorschichten der Altäre kunstvoll verarbeitete, buntfarbige Zierflächen, Bilder, Dekorationen entstehen, die wie Intarsien wirken. So sind am Antependium des Betzenhausener Altartischs auf dunkler Grundfläche farbig kontrastierend ein Bild der Grablegung Christi, Bandel- und Blattwerk, Blütengirlanden, Engelskinder und die Leidenswerkzeuge zu sehen. Die kleineren Flächen der Predellazone sind ähnlich mit Blumen und Vogeldarstellungen (Paradiesmotive) gearbeitet. Elegant wirkt auch das Wappen des Auftraggebers, das auf schwarzem Schild ein goldenes Einhorn mit silber-rot-silberner Schrägbinde im Schildfuß zeigt. Zumal Abt Placidus II. Hinderer aus Baden-Baden stammte, muss überlegt werden, ob er sich aus jenem Künstlerkreis, der im Lustschloß Favorite für die Markgräfin Sibylla Augusta die vielbewunderten Scagliola-Arbeiten schuf, einen Altarbauer nach Schuttern verpflichtet hatte. Mit Zutaten wie der alten Schmerzensmutter, barocken Statuetten des hI. Thomas und Laurentius, einem kopierten Dreifaltigkeitsoberbild und einem nicht ursprünglichen Tabernakel versehen, beeindruckt der ehemals schutterische Scagliola-Altar auch so noch durch seine außergewöhnliche Schönheit. In der Hauptnische hat mit der von Kreszentia von Brandenstein gestifteten „Mutter unter dem Kreuz" (barocke Krone als Zutat) eine „schöne Madonna" (um 1430) von künstlerischer Qualität einen neuen prächtigen Rahmen gefunden. Baldachinmalerei an der Chorwand (1862 erneuert) und das ehemalige Unterbaldinger Chorgestühl von bäuerlicher Barockarbeit (rückseitig mit 1734 datiert) binden den Scagliola-Altar ein und steigern seine Wirkung beträchtlich. |
Betzenhausen, dessen 1767/68 errichtete St. Thomaskirche schon im 18. Jh. zu einem Zufluchtsort für barockes Kunstgut aus aufgehobenen Klöstern wurde, kann sich freuen, mit dem von Illingen übernommenen, aus Schuttern stammenden Scagliola-Altar eine sakrale Kostbarkeit mit Seltenheitswert für Südbaden erworben zu haben. Wie alle der Seelsorge dienenden Kunstwerke der Barockzeit möchte auch er mithelfen, das Heilsgeschehen zu verdeutlichen und für das tägliche Leben zu aktualisieren. Die kirchliche Kunst des 18. Jh. verstand sich als ein Medium der Frömmigkeit; sie wollte die Gotteshäuser zu einem Stück Himmelreich auf Erden werden lassen.
Hermann Brommer
Quellennachweis: Stadtarchiv, Erzbischöfl. Archiv, Pfarrarchiv HI. Familie, alle Freiburg; Pfarrarch iv Illingen; Mitteilungen Pfarrer Harald Schweizer, Restaurator Michael BauernfeindFreiburg; Dr. 0. Lüdke - Staatl. Kunsthalle Karlsruhe; Ing. Walter Egenter, Gengenbach. E. Notheisen, Die Vororte der Stadt Freiburg - in: Amtl. Kreisbeschrbg. - Stadtkreis Freiburg 1/2-1965; Chronik der Pfarrei Heilige Familie Freiburg (Ms.); W. Burkart, Die Pfarrkirche zur HI. Familie (Informationsblatt); Festschrift „50 Jahre Fidel Egenter" (Bauunternehmung) 1954; L. Mülfarth, KI. Lexikon Karlsruher Maler 1980; J. R. Müller, Ortskunde des Freiburger Vorortes Betzenhausen (Ms. 1931); Ausstellungskatalog „Kunstepochen der Stadt Freiburg" — Augustinermuseum (Nr. 207); H. Brommer, Freiburg-Hochdorf - Schnell, Kunstführer 1070/1977; ders., Altar aus Schuttern für St. Thomas in Betzenhausen - in: Lokalanzeiger — Badische Ztg. Nr. 15/4. Jg. - 13. 4. 1978; ders., Joh. Bapt. Sellinger - Neues zu Biographie und Werk des Barock-bildhauers - Zschr. Breisgau Gesch. V. 98/1979; R. Morath, Peter Mayer (1718- 1800)— Der Universität Freiburg i. Br. Bürger, Kupferstecher und Maler — in: Freiburger Beiträge z. Wiss.- u. Univ. Gesch. Band 3/1983; R. v. Schauenburg, Familiengesch. d. Reichsfrh. v. Schauenburg/1954; F. Hirsch, Das läbl. Gotteshaus Schuttern - in: Zschr. f. Gesch. d. Architektur Vll/1914 (S. 167); B. Sulzmann, Historische Orgeln in Baden — Schnell & Steiner 1980.
Fotos: Verlag Schnell & Steiner, München/Kurt Gramer, Bietigheim-Bissingen.
Titelseite: Außenansicht der Pfarrkirche HI. Familie
Rückseite: Außenansicht der Filialkirche St. Thomas
Schnell, Kunstführer Nr. 1601
Erste Auflage 1986
Diese Reihe „Kleine Kunstführer" durch Kirchen, Schlösser und Sammlungen im mitteleuropäischen Kulturraum kann beim Verlag abonniert werden. Begründet von Dr. Hugo Schnell und Dr. Johannes Steiner. Verlegerische Betreuung Josef Fink.
VERLAG SCHNELL & STEINER GMBH & CO . MÜNCHEN UND ZÜRICH
D-8000 München 65, Postf. 112 — Druck: Erhardi Druck GmbH Regensburg
















